Logo Neue Zürcher ZeitungFrontpageFinanzmärkteDossiersEnglish WindowNews TickerEcho der ZeitNZZ-ArchivServiceAnzeigenMail/LeserdienstHilfe/IndexNZZ-SitesDie aktuelle Neue Zürcher Zeitung
Hilfe

Kommentar | International | Schweiz | Vermischtes | Wirtschaft | Börsen/Märkte | Feuilleton | Zürich | Sport | Forschung/Technik | Mensch/Arbeit | Tourismus | Medien/Informatik | Literatur/Kunst | Sonderbeilagen | Internet | Bilder der Woche | Wetter | Frontpage

2000 | 1999 | 1998 | 1997
 

Netzgeflüster

Das Web im Ohr

Auch Blinde surfen im Netz - wenn es lesbar ist

Vergleicht man heutige Web-Angebote mit solchen von vor drei, vier Jahren, fällt vor allem eines auf: Sie sind bunter und bewegter geworden. Wo einst die blau unterstrichenen Links fast die einzigen Akzente setzten, strahlt der Bildschirm heute in allen Regenbogenfarben, und in kühne Layouts eingebettete animierte Graphiken sorgen für Hochbetrieb auf den ehemals statischen Seiten. Das mag für viele eine Augenweide sein, für eine Gruppe von Usern ist es eher ein Ärgernis: für die Blinden.

Blinde schreiben auf dem Computer seit den achtziger Jahren, als Geräte entwickelt wurden, die den Bildschirmtext in gesprochene Sprache oder Blindenschrift umwandeln. Eine Studie der American Foundation for the Blind1 aus dem Jahr 1991 ergab, dass 43 Prozent der Blinden und schwer Sehbehinderten den Computer benützen. Seit dem Aufkommen des Web nimmt auch die Zahl der blinden Surferinnen und Surfer jedes Jahr massiv zu. Die technische Ausrüstung ist dieselbe wie fürs Schreiben: ein Sprachsynthesizer, der die Bildschirmdaten vokalisiert, oder ein spezielles Display, das die Daten in Braille übersetzt.

Beide Verfahren wandeln den ASCII-Text um, in dem HTML-Dokumente codiert sind. (ASCII ist der amerikanische Standardcode für den Austausch elektronischer Textdokumente.) Wer in der Menüliste seines Browsers «View/Document Source» anwählt, sieht, welch dürres ASCII-Gerippe selbst die fetteste Webseite hat. Die Hilfssysteme für surfende Blinde sind also textorientiert - Bilder und als Graphik aufgebaute Texte können sie nicht entziffern. Das ist besonders dann mühsam, wenn die Navigation innerhalb einer Site via Graphikelemente erfolgt. Web-Designer sollten deshalb grundsätzlich Textalternativen anbieten.

Auch mehrspaltige Texte sind für die «Screen Reader»-Software kaum zu bewältigen. Die meisten Bildschirm-Leseprogramme folgen dem Text Zeile um Zeile, und zwar über alle Spalten hinweg - wer den Effekt erleben will, versuche einmal, so die Zeitung zu lesen: Zeile eins der ersten Spalte, Zeile eins der zweiten Spalte usw. Eine Ahnung von den mannigfaltigen Hindernissen, die Behinderte im Netz zu überwinden haben, vermittelt Webable2, eine Site mit vielen nützlichen Adressen, Hinweisen auf Werkzeuge, Standards und Organisationen.

Wenn die Gestalter von Web-Angeboten sich an die paar Grundregeln halten, die Sehbehinderten das Surfen erleichtern, kann das World Wide Web auch für Blinde ein wertvolles Informationsinstrument sein. «Zeitungen auf Papier sind mir verschlossen, dagegen kann ich das Online-Angebot des ‹Spiegels›, der ‹Welt› oder der ‹Zeit› problemlos nutzen», schreibt Matthias Hänel auf seiner Website3. Er ist Mitinitiator des FBLINU,4 des Forums für blinde und sehbehinderte Internet- Nutzer, das seit Januar 1997 im Netz ist. Die Mailingliste findet regen Zuspruch, wie ein Blick auf die archivierten Beiträge zeigt. Die Themen reichen von blindenfreundlichen Handies über computertechnische Fachsimpeleien bis zu vegetarischen Kochrezepten.

Nicht nur das Web-Design entscheidet über die Lesbarkeit eines Angebots für Blinde. Das World Wide Web Consortium, das Gremium, das Richtlinien zu den wichtigsten Web-Standards erlässt, hat vor zwei Jahren die «Web Accessibility Initiative» ins Leben gerufen mit dem Ziel, mittels technischer Spezifikationen5 den Netzzugang für Behinderte zu erleichtern. Die Empfehlungen richten sich an die Hersteller von Browser-Software, und die jüngste HTML-Version 4.0 enthält Strukturelemente, die den Bedürfnissen der Blinden Rechnung tragen.

Vielversprechende Ansätze zeichnen sich auch in einem zusehends wachsenden Forschungsbereich ab, der Spracherkennungstechnologie. Wie die «New York Times» unlängst meldete, haben sich einige Grossfirmen, darunter Motorola und Visa, zu einer Allianz zusammengeschlossen, um Spracherkennungsstandards zu entwickeln, die das Surfen im Internet ohne Computer, nämlich via Telefon, ermöglichen sollen - eine Anwendung, die nicht nur Blinden interessante Perspektiven eröffnet. - Nächste Woche geht es wieder einmal um Werbung im Web.

daweber@access.ch

1 http://www.afb.org
2 http://www.webable.com
3 http://www.lynet.de/~mhaenel
4 http://list.ciw.uni-karlsruhe.de/fblinu
5 http://www.w3.org/TR/WD-WAI-USERAGENT

Neue Zürcher Zeitung, 19. März 1999

2000 | 1999 | 1998 | 1997

Kommentar | International | Schweiz | Vermischtes | Wirtschaft | Börsen/Märkte | Feuilleton | Zürich | Sport | Forschung/Technik | Mensch/Arbeit | Tourismus | Medien/Informatik | Literatur/Kunst | Sonderbeilagen | Internet | Bilder der Woche | Wetter | Frontpage

Seitenanfang Frontpage
Impressum Webmaster Werbung

Copyright © 2000 Neue Zürcher Zeitung NZZ 2000
Zu finden Seite auf NZZ-Server unter: http://www.nzz.ch/netzstoff/1999/netz78.html