Vergleicht man heutige Web-Angebote mit solchen von vor drei,
vier Jahren, fällt vor allem eines auf: Sie sind bunter und bewegter
geworden. Wo einst die blau unterstrichenen Links fast die einzigen
Akzente setzten, strahlt der Bildschirm heute in allen
Regenbogenfarben, und in kühne Layouts eingebettete animierte
Graphiken sorgen für Hochbetrieb auf den ehemals statischen Seiten.
Das mag für viele eine Augenweide sein, für eine Gruppe von Usern
ist es eher ein Ärgernis: für die Blinden.
Blinde schreiben auf dem Computer seit den achtziger Jahren, als
Geräte entwickelt wurden, die den Bildschirmtext in gesprochene
Sprache oder Blindenschrift umwandeln. Eine Studie der American Foundation for the
Blind1 aus dem Jahr 1991 ergab,
dass 43 Prozent der Blinden und schwer Sehbehinderten den Computer
benützen. Seit dem Aufkommen des Web nimmt auch die Zahl der blinden
Surferinnen und Surfer jedes Jahr massiv zu. Die technische
Ausrüstung ist dieselbe wie fürs Schreiben: ein Sprachsynthesizer,
der die Bildschirmdaten vokalisiert, oder ein spezielles Display,
das die Daten in Braille übersetzt.
Beide Verfahren wandeln den ASCII-Text um, in dem HTML-Dokumente
codiert sind. (ASCII ist der amerikanische Standardcode für den
Austausch elektronischer Textdokumente.) Wer in der Menüliste seines
Browsers «View/Document Source» anwählt, sieht, welch dürres ASCII-Gerippe
selbst die fetteste Webseite hat. Die Hilfssysteme für surfende
Blinde sind also textorientiert - Bilder und als Graphik aufgebaute
Texte können sie nicht entziffern. Das ist besonders dann mühsam,
wenn die Navigation innerhalb einer Site via Graphikelemente erfolgt.
Web-Designer sollten deshalb grundsätzlich Textalternativen anbieten.
Auch mehrspaltige Texte sind für die «Screen Reader»-Software
kaum zu bewältigen. Die meisten Bildschirm-Leseprogramme folgen dem
Text Zeile um Zeile, und zwar über alle Spalten hinweg - wer
den Effekt erleben will, versuche einmal, so die Zeitung zu lesen:
Zeile eins der ersten Spalte, Zeile eins der zweiten Spalte usw.
Eine Ahnung von den mannigfaltigen Hindernissen, die Behinderte im
Netz zu überwinden haben, vermittelt Webable2, eine Site mit vielen nützlichen
Adressen, Hinweisen auf Werkzeuge, Standards und Organisationen.
Wenn die Gestalter von Web-Angeboten sich an die paar Grundregeln
halten, die Sehbehinderten das Surfen erleichtern, kann das World
Wide Web auch für Blinde ein wertvolles Informationsinstrument sein.
«Zeitungen auf Papier sind mir verschlossen, dagegen kann ich das
Online-Angebot des ‹Spiegels›, der ‹Welt› oder der ‹Zeit› problemlos
nutzen», schreibt Matthias Hänel auf seiner Website3. Er ist Mitinitiator des FBLINU,4 des Forums für blinde und sehbehinderte
Internet- Nutzer, das seit Januar 1997 im Netz ist. Die Mailingliste
findet regen Zuspruch, wie ein Blick auf die archivierten Beiträge
zeigt. Die Themen reichen von blindenfreundlichen Handies über computertechnische
Fachsimpeleien bis zu vegetarischen Kochrezepten.
Nicht nur das Web-Design entscheidet über die Lesbarkeit eines
Angebots für Blinde. Das World Wide Web Consortium, das Gremium, das
Richtlinien zu den wichtigsten Web-Standards erlässt, hat vor zwei
Jahren die «Web Accessibility Initiative» ins Leben gerufen mit dem
Ziel, mittels technischer
Spezifikationen5 den Netzzugang
für Behinderte zu erleichtern. Die Empfehlungen richten sich an die
Hersteller von Browser-Software, und die jüngste HTML-Version 4.0
enthält Strukturelemente, die den Bedürfnissen der Blinden Rechnung
tragen.
Vielversprechende Ansätze zeichnen sich auch in einem zusehends
wachsenden Forschungsbereich ab, der Spracherkennungstechnologie.
Wie die «New York Times» unlängst meldete, haben sich einige
Grossfirmen, darunter Motorola und Visa, zu einer Allianz
zusammengeschlossen, um Spracherkennungsstandards zu entwickeln, die
das Surfen im Internet ohne Computer, nämlich via Telefon,
ermöglichen sollen - eine Anwendung, die nicht nur Blinden
interessante Perspektiven eröffnet. - Nächste Woche geht es wieder
einmal um Werbung im Web.