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WISSEN

Blindlings surfen

Neue Soft- und Hardware machens möglich: Blinden und Sehbehinderten öffnet sich der Zugang zum Internet.

Fast jeden Donnerstag hat Jürg Cathomas einen gelehrigen Schüler. Ist er Anfänger, greift ihm der EDV-Fachmann vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband mit einem Trick unter die Arme: Kleine Aufkleber in Braille-Blindenschrift zieren während der ersten Computerstunde die Tastatur. Ein H für «Home», ein D für «Delete», zum Beispiel. Was sich am Bildschirm abspielt, verrät eine Computerstimme, Monitore sind überflüssig. Dann, nach vielen Stunden harter Lernarbeit, gehts ab ins Internet. Ohne zu sehen, navigieren die blinden Surfer routiniert durchs Internet.


Fühlen: Die neuen Programme wandeln Schrift in Sprache um. Die Braille-Blindenschrift ist für blinde Surfer ein wichtiges Hilfsmittel.

Ohne spezielle Soft- und Hardware wären Ausflüge ins Internet für Blinde und Sehbehinderte allerdings nicht möglich. Seit kurzem bieten jetzt – von sehenden Computerbenützern unbeachtet – einige Anbieter Hilfsmittel an, um die Computerwelt und das World Wide Web für Blinde und Sehbehinderte zugänglich zu machen. So verkündete IBM vor knapp einem Monat die Einführung des so genannten Home Page Reader. Das Programm ist in der Lage, die aus Zeichen und Grafiken aufgebauten, visuellen Internetsites vorzulesen. Ein Sprachsynthesizer wandelt den auf dem Bildschirm sichtbaren Text in akustische Sprache um.  

Eines der Vorreiterprogramme im Bereich des Internet-Browsing sowohl für Sehbehinderte als auch für Blinde ist der pwWebSpeaker von Productivity Works. Er erleichtert Sehbehinderten das Lesen, indem er die Buchstaben in riesige, gelbe Lettern verwandelt. Über die Pfeiltasten der Tastatur wird der Cursor gesteuert; die Eingabe- und Leertaste reichen für die Internetnavigation aus. Das eingebaute Sprachsystem hilft jenen, die überhaupt nicht sehen können: Der Spezialbrowser sagt genau, wo er sich gerade befindet, jede Internetadresse liest er vor. Für Ungeübte gestaltet sich das Surfen auf diese Weise schwer – den Überblick ganz ohne visuelle Unterstützung zu behalten ist nicht einfach, weil das Gedächtnis nicht alles behalten kann.

In der Schweiz weit verbreitet ist das Programm Jaws der amerikanischen Firma Henter-Joice. Es kann alle Links und Frames auf einer Seite identifizieren und getrennt vorlesen. Das Programm kostet allerdings 1950 Franken. Einige Blindenorganisationen geben es jedoch stark verbilligt an Mitglieder ab.

Eine weitere Hilfe, mit der ein Blinder sich im Internet zurechtfinden kann, ist die so genannte Braille-Zeile. Dieses Gerät übersetzt eine auf dem Bildschirm erscheinende Zeile in durch die Finger fühlbare Blindenschrift, so dass der Benutzer sie ertasten kann. Die Lösung ist allerdings sehr teuer: Bis zu 20 000 Franken kostet ein entsprechendes Gerät.

Der Wunsch nach dem Leben im Netz ist bei vielen Blinden und Sehbehinderten präsent: Eine Studie der Universität Bern ergab, dass über die Hälfte von ihnen der neuen Technik optimistisch gegenüberstehen. Doch das grösste Hindernis bleibt nicht die Technik, sondern der Mensch. Weil Sehende die meisten Websites programmieren, sind viele Links für die Blinden-Software nicht zu erkennen: Die Bildschirmleseprogramme erkennen Texte, aber keine Grafikelemente. «Deshalb bleiben für uns Blinde grafische Symbole, die man anklicken müsste, um zum eigentlichen Webinhalt zu gelangen, vorderhand verborgen», sagt Cathomas.

facts 99/12 / zu finden auf facts-server unter: http://www.facts.ch/stories/9912_wis_blinde.htm

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Weitere Informationen:
EDV-Beratungsstelle des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands, Telefon 031 - 390 88 00