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07.06.1999

Tages-Anzeiger
Publikations-Datum: 19990607
Seite: 61

Auch Blinde wagen sich ins World Wide Web

Für viele blinde Menschen sind PCs segensreich: Mit speziellen Hilfsmitteln können sie nicht nur E-Mails verschicken, sondern sich auch im Web bewegen.


Autor: Von Dani Metzger

An manchen Tagen holt Dorota Pograniczna nur ihre elektronische Post ab, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, an anderen surft sie manchmal stundenlang im Internet. 90 Minuten täglich, hat sie ausgerechnet, hält sie sich im Durchschnitt privat im Web auf, obwohl sie auch beruflich immer mehr mit dem Internet zu tun hat. Dabei sieht die Literaturwissenschaftlerin die virtuelle Welt nicht einmal: Pograniczna ist seit dem 13. Lebensjahr blind.

Die elektronische Revolution hat sie trotzdem aufmerksam verfolgt: "Ich arbeite seit 15 Jahren mit Computern, seit drei Jahren befasse ich mich mit dem Internet", sagt die Leiterin der Katalogabteilung der Schweizerischen Bibliothek für Blinde in Zürich.

Web über Stifte ertasten

Heute können Blinde elektronische Dokumente lesen, ob es sich dabei um E-Mails handelt oder um Internetseiten. Spezielle Geräte stellen Dokumentinhalte in Blindenschrift dar: Software wie OutSpoken Ensemble for Windows der niederländischen Firma Alva steuert so genannte Braillezeilen, die bis zu 80 Zeichen darstellen. Das Prinzip ist simpel: Das PC-Programm übersetzt die Textzeile, in der sich der Bildschirmzeiger befindet, in die Punkteschrift und leitet diese Informationen an das Zusatzgerät weiter. Dieses ist mit einem speziellen Display ausgerüstet, das aus einer Lochmaske und nadeldünnen Stiften besteht, die ähnlich den Feldern einer elektronischen Anzeigetafel die Braillesymbole bilden. So können Blinde ganze Bücher oder Webseiten ertasten.

Die neu gewonnene Freiheit hat allerdings ihren Preis: "5750 bis 21 750 Fr. kosten diese Braillezeilen, je nachdem, wie viele Zeichen sie darstellen", sagt Edi Hiltebrand von der Firma Accesstech in Luzern, die EDV-Lösungen für Sehbehinderte anbietet. Dazu kommen bis zu 2500 Fr. für die Software, während Spezialdrucker für Blindenschrift mindestens 3150 Fr. kosten, aber bis zu 16 000 Fr. teuer sein können. Geht es um die berufliche Eingliederung, werden die Mehrkosten für diese Hilfsmittel von der Invalidenversicherung übernommen. "Bei privater Nutzung klären wir auf Antrag ab, ob Beiträge möglich sind", sagt Christian Hirschi, Abteilungsleiter bei der IV-Stelle des Kantons Zürich.

Die hohen Kosten rühren daher, dass sich die Anbieter von Geräten und Software in einem Nischenmarkt ohne grosse Stückzahlen bewegen und ihre Kunden überdurchschnittliche Supportleistungen benötigen. Das Bildschirm-Leseprogramm Jaws for Windows der US-Firma Henter Joyce wurde zum Beispiel in der Schweiz bis heute erst 200-mal installiert, schätzt Hiltebrand. "In der Schweiz gibt es rund 8000 Sehbehinderte und Blinde, die bei einem Interessenverband registriert sind", sagt er. Doch kaum 5 Prozent interessieren sich für Computer, auch weil viele ihre Sehkraft erst im Alter verloren haben und so ohnehin einer Generation angehören, die sich vor moderner Informatik scheut.

Das könnte sich in den nächsten Jahren allerdings ändern: Microsoft schätzt, dass heute 8 Prozent aller Internet-Benutzer körperlich behindert sind, und baut Funktionen in Windows ein, die Blinden den Zugang zu PCs erleichtern sollen. IBM bietet ab Herbst 1999 die deutsche Version der Windows-Software Home Page Reader an, die den Inhalt ganzer Webseiten per künstliche Sprachausgabe vorliest. Rund 300 Franken soll das als Plugin zum Netscape-Browser Navigator entwickelte Programm kosten; eine englische Ausgabe ist bereits auf dem Markt. Alle Programmfunktionen sind über einen Zahlenblock mit zehn Tasten aufrufbar, Texte werden von einer synthetischen Männerstimme in beliebiger Geschwindigkeit vorgelesen oder buchstabiert, eine Frauenstimme macht auf Links aufmerksam.

Spezial-Notebooks für Blinde

Mit solchen Applikationen eröffnet sich blinden Menschen eine Welt, die ihnen ohne moderne Informationstechnologie versagt bliebe. Mit portablen Zusatzgeräten wie LapBraille des niederländischen Herstellers Tieman, die als Sockeleinheit mit Notebooks gekoppelt werden, können Blinde auch unterwegs arbeiten und ihre E-Mails handhaben. Teilweise lassen sie sich separat als tragbare, 2 kg leichte Notizgeräte verwenden.

Vor allem in den USA wird eifrig geforscht, um Blinden den Zugang zum Internet einfacher zu machen, denn immer mehr Hochschulen bieten zusätzliches Lehrmaterial oder ganze Fernausbildungen über das Web an. Neuerdings kümmert sich auch das World Wide Web Consortium (W3C), das Richtlinien für den Aufbau von Webseiten erarbeitet, um dieses Thema: Anfang Mai wurde ein Normenkatalog veröffentlicht, mit dessen Hilfe zukünftige Internetseiten blindengerechter programmiert werden können. Dabei geht es um Änderungen, die Sehenden kaum auffallen, blinden Menschen das Lesen aber wesentlich erleichtern: Tabellen zum Beispiel sollten so kodiert sein, dass ihre Felder über Tastenbefehle anwählbar sind, Bilder immer mit Legenden versehen und Icons ohne Text-Links vermieden werden.

Auch zahlreiche Java-Applikationen erschweren die Navigation: "Manchmal muss ich Webseiten mit drei verschiedenen Browsern untersuchen, um sicher zu sein, dass kein Element unbemerkt bleibt", sagt Dorota Pograniczna. Selbst harmlose Formulare geraten zu Stolpersteinen, wenn sich unversehens weitere Fenster öffnen oder weder Braillezeile noch Sprachausgabe auf Schaltflächen hinweisen.

Martin Mischler vom Schweizerischen Blindenbund befürchtet, das Internet werde ungeachtet gut gemeinter Richtlinien in naher Zukunft für Blinde unzugänglicher: "Vor allem vom E-Commerce sind wir weitgehend ausgeschlossen", sagt er. Mischler ist EDV-Berater an der Geschäftsstelle in Zürich und hat durchschnittlich fünf Klienten pro Woche, die sich vorwiegend privat PCs zulegen möchten. "Elektronische Geschäfte im Internet arbeiten zunehmend damit, den Kunden ihre Produkte über visuelle Effekte anzupreisen", sagt er. Die Homepage von SVP-Nationalrat Christoph Blocher zeigt dagegen, wie man die Navigation für Blinde einfacher macht: So lassen sich auch einer Minderheit politische Inhalte vermitteln.

Die Tastatur ersetzt die Maus

Den Computer hält Mischler insgesamt für eines der nützlichsten Hilfsgeräte für Blinde, vor allem, seit es Technologien wie die optische Zeichenerkennung (OCR) gibt. Scanner sind eine Standardkomponente bei PC-Anlagen für blinde Menschen, denn damit können maschinengeschriebene Briefe eingelesen und von der Software automatisch in Blindenschrift übersetzt werden. "Ich könnte mir die berufliche Tätigkeit ohne PC nicht mehr vorstellen", sagt der geburtsblinde EDV-Berater. Doch um sich im Internet einigermassen zurechtzufinden, meint er, müsse man als Blinder ein Freak sein: "Normalbenutzern ist es kaum zumutbar, mit drei verschiedenen Browsern arbeiten zu müssen."

Dabei hat er längst festgestellt, in welchem Bereich blinde PC-Anwender ihren sehenden Kollegen überlegen sind: "Wir gehen von früher Kindheit an mit Tastaturen um, ob an Schreibmaschinen oder nun an Computern." Wieselflink navigieren sich viele Blinde durch Windows-Programme, prägen sich unzählige Tastenbefehle ein und erledigen so die gleichen Arbeiten oft schneller. "Viele Sehende verlieren Zeit, weil sie ohne Maus nicht mehr auskommen", sagt Mischler.

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