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17.11.1999

Tages-Anzeiger
Publikations-Datum: 19991117
Seite: 2

Auch ein Blinder kann das Protokoll schreiben

Ewald Leu, durch einen Sportunfall erblindet, arbeitet als Kanzleisekretär auf dem Bezirksgericht. Neue Technologien unter- stützen ihn am Computer. Wieweit fördern sie die berufliche Integration?


Autor: Von Beat Bühlmann

"Kommen Sie allein?", fragt der Mann, als ich das Büro Nummer 139 am Bezirksgericht Zürich betrete. Ja, antworte ich etwas irritiert, bevor mir aufgeht, dass der Kanzleisekretär seinen Besuch ja kaum erkennen kann. Ewald Leu ist praktisch blind, kann nur hell und dunkel unterscheiden. Als er 13 Jahre alt war, sprang ihm ein Fussball ins Auge und beeinträchtigte seine Sehkraft, mit 17 musste er die Lehre als Schuhmodelleur aufgeben. Der grüne Star, das Glaukom, machte ihn zum Sehbehinderten. In der Schweiz sind schätzungsweise 8000 bis 10 000 Personen blind und über 80 000 so stark sehbehindert, dass sie eine Lesehilfe brauchen.

Der Computer spricht

Ewald Leu, inzwischen 51-jährig, arbeitet seit 28 Jahren auf dem Bezirksgericht Zürich. "Damals war es verhältnismässig leicht für einen Behinderten, einen Arbeitsplatz zu finden", sagt er. Es habe eine ausdrückliche Weisung an die Personalchefs gegeben, Behinderte bei Stellenbesetzungen zu berücksichtigen. Leu ist so leistungsfähig wie andere Mitarbeiter; seine Arbeit werde anerkannt. Es sei nicht selten, dass sie ihn bei aufwändigen Strafverfahren beizögen. "Beim Raphael-Huber-Prozess musste ich über 500 Seiten anhand der Tonbandaufzeichnungen protokollieren." Befragungen der Angeklagten, Plädoyers der Verteidiger, die Urteile.

Raffinierte Lesegeräte

Wir sitzen uns am Schreibtisch gegenüber. Ewald Leu trägt eine Brille, von mir kann er nur einen Schatten erkennen. Auf dem Tisch steht ein kleiner grüner Kasten, seine Stenomaschine, die in Blindenschrift seine Notizen auf einem Papierstreifen festhält. Daneben ein elektronischer Terminkalender, der sprechen kann: "Mittagessen mit Lukas am 11. 11.", diktiert Leu. "Uhrzeit?" fragt die elektronische Stimme. "Zwölf Uhr", sagt Leu. "Wollen Sie einen Merkpiepston?" "Nein", antwortet Leu. Zu seiner Grundausstattung gehört auch das Lesegerät Optacon: Mit einer kleinen Kamera fährt Leu über ein Aktenstück, streckt gleichzeitig einen Zeigefinger in das Lesegerät und kann damit das Relief der einzelnen Buchstaben ablesen. "Ich fühle mich blind ohne dieses Gerät", sagt der Blinde.

Die elektronischen Technologien eröffnen ganz neue Perspektiven. Der Arbeitsplatz des Kanzleisekretärs ist voll computerisiert, im ganzen Haus verfüge kein anderes Büro über so viel Elektronik wie seines. Sein Computer ist mit einer Braillezeile ausgerüstet, auf der er alles in Blindenschrift nachlesen und allenfalls mit einem Brailleprinter ausdrucken kann; vor allem bei ausländischen Namen ist er froh darum. Und der Computer ist sprachgestützt, kann ihm also die Dokumente vorlesen. Bahnbrechend für Blinde und Sehbehinderte ist vor allem der neue Scanner, "das beste Stück in meinem Büro", wie Ewald Leu sagt. Das Gerät, Anschaffungspreis über 10 000 Franken, kann Dokumente wie Akten, Briefe oder Bücher einlesen, den Text vorsprechen und schliesslich im Ordner ablegen. Leu legt ein grünes A4-Blatt auf den Scanner, und der beginnt unverzüglich und gut verständlich zu reden.

Mit Computerhilfe zum Job

"Die Computertechnik kommt uns sehr entgegen", sagt der Kanzleisekretär, "so können wir wie die Sehenden arbeiten." Leu veranschlagt die Ausstattungskosten in seinem Büro auf gegen 50 000 Franken, finanziert werden die Mehrkosten von der Invalidenversicherung. "Gott sei Dank", sagt Leu, "ohne IV-Unterstützung hätte ich wohl gar keinen Job." Es sei ohnehin schwierig für Behinderte, Arbeit zu finden. Die meisten müssten froh sein, wenn sie überhaupt eine Beschäftigung fänden. An eine Karriere sollten sie besser nicht denken. "Solange Sehende beurteilen, was Sehbehinderte zu leisten vermögen, wird sich kaum etwas ändern", vermutet Leu. Obschon er voll des Lobes ist über seinen Arbeitgeber, ist auch er für manche Kollegen im Haus "eine exotische Erscheinung". Wenn er beispielsweise durch den Flur gehe, verstummten plötzlich die Gespräche. "Das ist dumm, denn so kann ich mich nicht mehr orientieren."

Die Elektronik habe die berufliche Integration der Behinderten wesentlich erleichtert, sagt Arnold Schneider, Zentralsekretär des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. "Sie verfügen nun über die gleichen Werkzeuge, um Büroarbeiten wie die Sehenden verrichten zu können." Umgekehrt habe die Informatik allerdings auch zahlreiche Arbeitsplätze vernichtet, insbesondere für einfachere Arbeiten, die früher oft von Behinderten übernommen worden seien. Die Informatik sei ein grosser Fortschritt, bestätigt Fritz Steiner, Leiter der Eingliederungsstelle für Sehbehinderte in Basel, "denn sie hat die digitale Welt für die Blinden und Sehbehinderten erschlossen". Die vier Informatiker der Eingliederungsstelle beraten und schulen pro Jahr etwa 200 Blinde und Sehbehinderte, ebenso viele Betreuer arbeiten auf der Zweigstelle in Lausanne.

Auch die Gehörlosen und Hörbehinderten, in der Schweiz immerhin etwa 60 000 Betroffene, profitieren von den neuen Technologien. Der Fax und später das E-Mail haben ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt wesentlich erleichtert. Fast noch wichtiger ist für sie allerdings der telefonische Vermittlungsdienst der Stiftung Procom (Telefon 084 48 40 71/81). "Ein Leben ohne diesen Telefondienst kann ich mir gar nicht mehr vorstellen", sagt Stiftungspräsident Beat Kleeb, selber hörbehindert. Wir sind im direkten Gespräch, obschon er mich gar nicht hören kann. Ich spreche der Telefonistin in der deutschschweizerischen Vermittlungszentrale meine Frage vor, sie gibt sie über das Schreibtelefon an Kleeb weiter. Und der liest meine Frage auf einem Display und kann umgehend antworten.

Nachdem Beat Kleeb, Chemiker HTL, sein Studienjahr an einer Gehörlosen-Universität in den USA beendet hatte, fand er in der Schweiz zuerst keine Arbeit. Gegen zwanzig Bewerbungen wurden abgewiesen, bevor er den jetzigen Arbeitsplatz in einem Chemieunternehmen fand. "Es gab damals verschiedene Absagen, weil ich nicht telefonieren konnte." Es hiess dann, es gebe Kommunikationsprobleme. Mit der 24 Stunden im Tag einsatzbereiten Telefonvermittlung - seit zwei Jahren ist die Swisscom gemäss Fernmeldegesetz verpflichtet, sie zu finanzieren - könne er auch privat eigenständiger leben, sagt der Familienvater. Zum Beispiel wenn er Arzttermine oder Lehrergespräche vereinbaren wolle. "Ich habe jahrelang ein Haus gesucht, doch ohne Vermittlung hätte ich nie eines gefunden", glaubt Beat Kleeb.

Wertvolle Telefonvermittlung

"Die Zahl der Telefonvermittlungen hat stark zugenommen", erklärt Direktor Urs Linder, pro Jahr zwischen 15 und 20 Prozent. Allein im deutschsprachigen Telefonzentrum Wald ZH (weitere bestehen in Neuenburg und Bellinzona) werden monatlich bis zu 10 000 Gespräche vermittelt. Das sei eine wichtige Hilfe zur beruflichen Integration, sagt Linder, doch im Vergleich zu den USA hinke die Schweiz immer noch hinten nach. So habe er in Kalifornien ein derartiges Callcenter mit 150 Beschäftigten besucht.

Trotz Internet dürfte das Schreibtelefon, neuerdings auch mit einem Nokia-Handy kompatibel, für die Gehörlosen unentbehrlich bleiben. Ob das Bildtelefon (mit Gebärdensprache) oder die automatische Spracherkennung das Schreibtelefon dereinst ablösen werden, ist offen. Die neue Technik hat manchmal auch ihre Tücken. Heute bleiben viele Websites den Sehbehinderten verschlossen, weil Grafiken, Bilder und Symbole für den sprechenden Computer nicht erfassbar sind. Die Eingliederungsstelle Basel empfiehlt deshalb, Homepages auch in einer reinen Textvariante anzubieten, wie das in den USA gängig ist. Gegen einen Online-Anbieter, der diesen Service nicht gewährleistet, hat eine US-Behindertenorganisation soeben Klage eingereicht.

Ein Blinder vor dem Fernseher

Ewald Leu liebt das Surfen im Internet, besonders schätzt er das E-Mail, das ihm den Kontakt zur Aussenwelt erleichtert (e.leu datacomm.ch). Zur Information benützt er auch den Fernseher, wenngleich hier zu Lande noch keine akustische Hilfe angeboten wird wie auf dem zweiten ZDF-Tonkanal. Trotzdem liebt er die Krimis. "Vom Derrick habe ich verschiedene Folgen gesehen", sagt Ewald Leu, "und den Hitchcock finde ich auch sehr spannend." Blind vor dem Fernseher? "Wir schauen mit den Ohren", sagt Ewald Leu, "und geniessen nicht nur mit den Augen."

Die zwei Farbzeichnungen seiner jüngsten Tochter, die im Büro an der Wand hängen, kann er allerdings nicht sehen. Da sich sein Augenlicht nach der Geburt der zwei ersten Kinder verschlechterte, konnte er sich vom dritten Kind kein Bild machen. "Doch ich weiss schon, wie sie aussieht", sagt Ewald Leu, "ich kann ihr ja mit der Hand über die Haare fahren."

BILD THOMAS BURLA

Ewald Leus Computer ist mit einer Braillezeile ausgerüstet, auf der er in Blindenschrift nachlesen kann, was auf dem Bildschirm steht.

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