Weltwoche, 4.8.94

Computer für Blinde und Sehbehinderte: Willkommenes Fenster zur sehenden Aussenwelt

Wenn der Bildschirm zu reden beginnt

Von Luzia Kopp

Die Computer- und Informationstechnologie hat Blinden und Sehbehinderten neue Welten eröffnet. Mit Hilfe von Vergrösserungsprogrammen, Sprachsynthese und Braille-Zeilen können sie selbständig schriftliche Kommunikation erschliessen, sich übers Tagesgeschehen informieren und mit Computern arbeiten. Doch die bildhafte Umwelt setzt diesem Fortschritt auch neue Grenzen.

Ein ganz normaler Büroarbeitsplatz mit Computern, Tastaturen und Bildschirmen, blitzt's mir durch den Kopf, als ich die Büros des Blindenbunds in Zürich betrete. Bildschirm? Bild-Schirm. Seltsam in einer bildlosen Welt. Doch kein Widerspruch: Bildschirme und Computer sind Mittel zur gleichgestellten Kommunikation mit Sehenden und ihrer Welt. Martin Mischler, Berater für elektronische Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte beim Schweizerischen Blindenbund, ist am Computer absolut in seinem Element. Er legt einen Brief aus der heutigen Post auf den Scanner und startet flink über die normale PC-Tastatur das Texterkennungs-programm auf. Eine Computerstimme sagt ihm, was der PC mit seinen Befehlen macht, wann er sie ausgeführt hat und bereit ist für einen neuen Befehl. Nach wenigen Minuten meldet sich eine synthetische Stimme: «Bern, 15. Juni 1994. Sehr geehrter Herr Mischler ... », und das Sprachausgabegerät liest den Brief vor. Wirklich ein echter Fortschritt für Blinde, die bei Geschriebenem sonst auf fremde Hilfe angewiesen sind.


PC mit Braille-Zeile: Für Blinde ein Mittel der Gleichberechtigung und Autonomie (Foto: F. Steiner)

Martin Mischler ist blind von Geburt an. Seine Blindheit ist für ihn eine Herausforderung. Selbstverständlich für ihn war, dass er die Schulbank ganz normal mit Sehenden drückte und die Matura absolvierte. Das heisst nicht, dass alles ganz einfach war damals, vor rund 20 Jahren. Schulbücher und Texte musste er sich von einer sehenden Person vorlesen lassen. Und zu Hause und in der Schule stand eine Schreibmaschine mit Brailleschrift bereit, damit er seine Aufgaben erledigen konnte.

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Heute ist es für Blinde und Sehbehinderte bedeutend einfacher, schriftlich zu kommunizieren und Geschriebenes aufzunehmen, Die Informatisierung hat für Blinde und Sehbehinderte ein RiesenFenster zur sehenden Aussenwelt und ihrem 'Wissen aufgestossen. Selbst übers Tagesgeschehen können Blinde und Sehbehinderte sich aus der Tageszeitung informieren. Zwar kann Martin Mischler nicht einfach die Zeitung aufschlagen und am Frühstückstisch sich übers Weltgeschehen informieren. Dafür muss er nicht zum Briefkasten laufen und die Zeitung rausklauben. Er kann die NZZ direkt per Modem in die gute Stube holen und sich per Sprachsynthese (siehe Kasten) vorlesen lassen. Das mühsame Blättern und Suchen, Verweilen bei Inseraten entfällt. Die Artikel der NZZ werden, noch bevor die Zeitung in Zürich in den Druck geht, ins Tessin übermittelt und dort inhaltlich neu nach Rubriken gegliedert, mit Kurztiteln versehen und via Modern als Textdatei für Sehbehinderte und Behinderte auf einer Datenbank verfügbar gemacht. Dank der klaren Strukturierung kann Martin Mischler sich schnell per PC und Sprachausgabegerät den Wetterbericht vorlesen lassen und weiss so, was ihn draussen erwartet. Er bevorzugt jedoch die Ausgabe des Textes auf der Braille-Zeile (siehe Kasten) unterhalb der normalen PC-Tastatur. Denn die per Computer zusammengesetzte Stimme des Sprachausgabegerätes, die Buchstabe für Buchstabe den Wetterbericht in gesprochene Wörter und Sätze umwandelt, findet er künstlich und auf die Dauer etwas nervtötend und ermüdend. Wer möchte sich schon von Frankensteins synthetischem Bruder Stories vorlesen lassen?

Häufig informiert sich Martin Mischler auch über Teletext und Videotex. Sie sind, weil klar strukturiert und per Modem und Computer leicht zugänglich, ideale Informationsquellen für Blinde und Sehbehinderte. Ihre Texte sind kurzgefasst und beinhalten das Wesentlichste. Und, was sie für Blinde und Sehbehinderte besonders attraktiv macht: Sie erlauben dem Benutzenden, eine aktive Rolle zu übernehmen, selbst auszuwählen, was sie erfahren und vertiefen wollen, ohne auf Hilfe von aussen angewiesen zu sein.

Die informatisierte Kommunikation bietet noch weitere Vorteile, wie Hans Keller vom Schweizerischen Blindenverband in Bern erläutert: Sehende, Blinde und Sehbehinderte sind in der Kommunikation via Computer gleichgestellte Partner, Es gibt (noch) keine Klassierung der Computerbenutzer(innen) aufgrund ihres Sehvermögens.

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Selbständigkeit im Studium

Und der Computer bedeutet Autonomie. Er bietet Sehbehinderten und Blinden Möglichkeiten, sich selbständig im Alltag zu bewegen. Martin Mischler weiss das zu schätzen. Er führt seine Agenda auf dem Computer, kann aufgrund des elektronischen Telefonbuchs Nummern selbst finden und übers Modem die idealen Bahnverbindungen raustüfteln.

Auch die junge Baslerin Pina Dolce ist glücklich über die gewonnene Autonomie und Mobilität, die ihr ein portabler Computer und die Braille-Zeile im Alltag und in ihrer Ausbildung zur Kunst- und Ausdruckstherapeutin verschaffen. «Das Notebook bietet mir die notwendige Flexibilität und Selbständigkeit während des Studiums. Die Lehrgänge kann ich grösstenteils ohne fremde Hilfe absolvieren. Diese Unabhängigkeit ist letztlich auch sehr wichtig für mein Selbstbewusstsein als Sehbehinderte und Mensch.»

Doch dem Computer sind auch gewisse Grenzen gesetzt. Nur rund 40 Prozent der schriftlichen Alltagskommunikation im Privathaushalt lässt sich per Scanner, Sprachsynthese oder Braille-Zeile für Blinde und Sehbehinderte umsetzen. Für den Rest sind Blinde und Sehbehinderte auf fremde Hilfe angewiesen. Martin Mischler hat einmal pro Woche eine Frau engagiert, die mit ihm die Post durchschaut, entscheidet, was sich einfach einscannen lässt, und die Ablage von Dokumenten betreut. Martin Mischler hat bewusst eine Fremde mit dieser Aufgabe betraut. Denn wer möchte sich schon seine Liebesbriefe oder Kontoauszüge vom Nachbarn oder der Nachbarin vorlesen lassen?

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In der Schweiz, wo der Wert des Menschen in erster Linie durch seine Arbeitsleistung definiert wird, ist der Computer als Arbeitsinstrument für Behinderte sehr wertvoll. Er verschafft ihnen einen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Informatik eröffnet neue, interessantere Möglichkeiten im Berufsalltag. Damit Sehbehinderte und Blinde verantwortungsvolle und vielfältige Aufgaben im Erwerbsleben wahrnehmen können, sind auch wir gefordert Denn wenn Blinde Sachbearbeiter-(innen) Aufgaben übernehmen und Kunden und, Kundinnen kompetent am Telefon beraten, ihnen aber bei Kundenbesuchen unmissverständlich bedeutet wird, dass sie ihr Büro nicht verlassen sollen, hat das auch sehr viel mit uns zu tun.

Und es wird für Sehbehinderte und Blinde nicht einfacher in der Arbeits- und Alltagswelt. Die Kommunikation mit Bildern und Symbolen, das Visualisieren nimmt nicht nur in Werbung und Printmedien zu, auch die Computerwelt wird bildhafter und graphischer.

Während graphische Oberflächen für Sehende das Arbeiten am Computer vereinfachen, bringen sie für Blinde einen Rückschritt, der sie von der gleichen Kornmunikationsebene mit Sehenden auf eine minderwertige Kommunikationsebene hinunterstösst. Denn die Entwicklung ;geht ganz klar in Richtung Anwendungsfreundlichkeit für Sehende. Windows ist nur ein Beispiel, Pictogramme ein anderes. Pictogramme, ob in der Windows oder Mac-Welt, sind mit Worten nur schwer fassbar. Sie sind einfach da, funktionieren ohne grosse Erklärungen. Wollen Blinde mit Windows arbeiten, müssen Pictogramme wie z.B. das Programm-Manager-Symbol auf der Braille- Zeile oder per Sprachausgabe in Worte übersetzt werden. Eine langweilige Sache, was die Bedienung kompliziert und die Arbeit verlangsamt.

Aber Ansätze, die Windows- und MausWelt für Blinde mit neuen Hilfsprogrammen zu erschliessen, sind vorhanden. Noch genialer wär's, wenn die Hersteller die neuen graphischen Oberflächen schon behindertenfreundlich anlegen würden, damit nicht nachträglich mühsam Nischen zur Adaption gefunden werden müssen. Der Windows-Nachfolger «Chicago» böte eine phantastische Gelegenheit dazu.

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Marginalisierung im Büro

Sehbehinderte können Bildschirmvergrösserungs-Software, Blinde spezielle Hilfsprogramme einsetzen, um mit graphischen Oberflächen zu arbeiten, aber sie sind nie so gewandt wie Sehende. Doch das ist nicht der einzige Grund, wieso es für sie in der Bürowelt immer schwieriger wird zu bestehen, Ein Text ohne ansprechendes Layout ist heute kaum mehr denkbar. Dieser Gestaltungszwang für alles Geschriebene marginalisiert Sehbehinderte und Blinde mehr und mehr im Büroalltag. Da hilft Flucht nach vorn, meint Martin Mischler: sich weiterbilden und vom Erfassen und Gestalten von Daten und Text zu Sachbearbeiter-(innen- )Aufgaben übergehen. Dort ist mehr Köpfchen gefragt und weniger das Formale, Visuelle. Es gibt durchaus Aufgaben, wo Blinde und Sehbehinderte ihre spezifischen Fähigkeiten wie gute Kombinationsgabe oder Einfühlungsvermögen, Kontaktfreude und Sprachgewandtheit optimal einsetzen können - zum Beispiel am Telefon. Vorausgesetzt, das Bildtelefon lässt noch etwas auf sich warten...

 

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Erschienen in der Weltwoche Nr. 31 vom 4.08.1994

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